Reisetagebuch

Vorbereitungen

Die Reise

Das Ziel

Die Weiterreise

 

Vorbereitungen

 

Schon Ende 2016 kam mir die Idee, ein musikvermittlerisches Projekt mit „schüchternen“ Laiensängern durchzuführen.

Da ich als Gesangslehrerin arbeite, fielen mir gleich einige geeignete Kandidaten ein, die zu meiner Überraschung sofort begeistert zusagten.

Die Gruppe vergrösserte sich stetig, den Teilnehmern fielen immer mehr Bekannte ein, die auch in das geforderte "Persönlichkeitsraster" fielen.

So trafen wir uns im Frühjahr 2017 zum ersten Mal. Diese ersten Treffen fanden monatlich statt, wobei sich auch hier schon die Herausforderung zeigte, gemeinsame Termine zu finden.

Anfangs ging es darum, uns kennen zu lernen, gemeinsam zu singen, sich auszutauschen und langsam an das Thema heranzutasten. Diese offene Herangehensweise führte bei den Teilnehmern teils zu Irritationen, da alles ergebnisoffen war. Würden sie am Schluss wirklich auf der Bühne stehen? Was war das Ziel?

Als erwachsener Chorsänger ist man gewöhnt, dass eine Führungspersönlichkeit vorne steht und den Weg vorgibt. Das war hier ganz anders.

Anfangs nahm ich die Stimmung teilweise als sehr skeptisch wahr, was auch mich mit meinen schüchternen, unsicheren Persönlichkeitsanteilen konfrontierte. Ich sprach mit den Beteiligten darüber und wir merkten, wie oft Schüchternheit nach aussen hin als Arroganz oder Skepsis wahrgenommen wird.

Alle blieben aber dabei. Die Frage war nur: Mit welcher Musik wollen wir uns beschäftigen? Was wird der musikalische Kern unseres Projekts?

Die Reise

Die Anfrage nach einer Zusammenarbeit mit der Freitagsakademie war für uns ein Geschenk.

Das Orchester hat sich vorgenommen, verschiedene Mozartopern in der Fassung für Harmoniemusik, also als Bearbeitung für ein 9-köpfiges Ensemble aus Holz-, Blechbläsern und Kontrabass aufzuführen. Schon im letzten Jahr führte ich mit ihnen ein musikvermittlerisches Projekt für diese Besetzung durch - "Die Zauberflöte - eine musikalische Zeitreise" mit der 6. Klasse der Primarschule Münchenbuchsee.

In diesem Jahr stand der "Don Giovanni" auf dem Programm - ausgerechnet.

Niemals wären wir auf die Idee gekommen, uns gerade mit dieser Oper zu beschäftigen, in der die Hauptrolle ein selbstbewusster Macho spielt, der offensichtlich keine Schüchternheit kennt.

Dieses Thema fiel uns also in den Schoss und wir wollten uns daran die Zähne ausbeissen.

Nicht alle Teilnehmer waren von dieser Wahl begeistert. Chorsänger singen anders als Opernsänger, es gibt oft Berührungsängste. Auch ich stamme nicht aus der Welt der Oper, sondern bin eher im Kunstlied und der Alten Musik zu Hause.

Wir nahmen aber die Herausforderung an und machten uns auf die Reise, um zu entdecken, dass wohl kaum ein anderes Werk seelische Abgründe so tief beleuchtet wie Don Giovanni.

 

Nun machten wir uns gemeinsam an die Arbeit. Aus einer lose zusammengewürfelten Gruppen verschiedenster Individuen, die nur die „Schüchternheit“, die sich aber bei jedem ganz anders äussert, und die Liebe zur Musik verbindet, waren inzwischen Freunde geworden.

 

Wir erarbeiteten zusammen Arien aus Don Giovanni, redeten über Inszenierungsmöglichkeiten, über die Figuren, die emotionalen Zustände. Wir sprachen darüber, wie wir unsere Schüchternheit auf der Bühne zeigen könnten, ohne „nichts“ zu tun oder uns zu verstecken. Was wäre uns möglich im Angesicht von Lampenfieber?

Wir überlegten auch, was Schüchternheit im Konzertbetrieb zu suchen hat.

 

Mir fiel besonders auf, dass fast alle Menschen, mit denen ich über unser Vorhaben sprach, plötzlich über ihre eigene Schüchternheit sprachen: Ob Dirigenten oder Musiker, fast alle bezeichneten sich als „eigentlich“ schüchtern.

 

Auf der Bühne darf man aber nicht schüchtern sein. Alle zeigen ihre Masken.

 

Masken. Masken, die auch im Don Giovanni vorkommen. Buchstäblich und im übertragenen Sinne.

 

Ich stiess auf die Texte von Sören Kierkegaard, dessen liebste Oper der Don Giovanni war.

Seine Texte enthüllen das Wesen des Protagonisten, zeigen, dass auch er eine Maske trägt und in der Tiefe seiner Seele die Angst sitzt.

 

Mein Mentor Francesco Micieli brachte mich auf die Idee, die Teilnehmer ihre eigenen Texte schreiben zu lassen, zum Thema: „Meine Schüchternheit“. Ich schrieb natürlich auch mit.

Die entstandenen Texte berührten mich tief.

 

Aus diesen Texten entwickelte ich das Drehbuch, das immer wieder umgearbeitet wurde.

Meine 2. Mentorin, die Regisseurin Angela Bürger, gab mir dabei wertvolle Hilfe.

 

Nathalie, unsere Tänzerin choreographierte mit mir zusammen die Arien. Es war mir wichtig, dass ich auch nicht nur singend, in meiner Komfortzone auf der Bühne stehen würde, sondern auch selbst Dinge tue, die für mich schwierig sind: Tanzen, Sprechen, Schauspielern.

Im Frühjahr 2018 durften wir im Tonstudio der HKB eine CD mit dem für Chor bearbeiteten Duett "La ci darem la mano" aufnehmen. Das war für die Teilnehmenden eine ganz neue Erfahrung und Herausforderung, da es vielen Laiensängern schwerfällt, ihre eigene Stimme zu hören.

 

Auch die Freitagsakademie sollte einbezogen werden:

Leider hatten wir nur geringe Probenzeit, deshalb konnten viele Ideen nicht verwirklicht werden, aber wir bezogen die Instrumentalisten in unsere Choreographie mit ein. Die Musiker entwickelten eine Geräuschkulisse zu den Texten Sören Kierkegaards.

Die Schüchternen integrierten die Instrumentalisten auch in die Standbilder und das war für die Musiker ein neues, teilweise verunsicherndes, aber schönes Erlebnis, wie mir später vom Katharina Suske zurückgemeldet wurde.

Teile des Publikums wurden mit einbezogen, um die Texte musikalisch zu kommentieren (Atemgeräusche, Stöhnen, Summen). Auch hier mussten noch Proben organisiert werden. 

Das Ziel

 

Zur Aufführung hin wurden unsere Proben intensiver und unsere Zweifel grösser. Ich versuchte alles als einen Teil des Prozesses zu sehen und zu integrieren.

 

Auch für mich war vieles Neuland und sehr fordernd:

Das Booklet musste geschrieben werden, Flyer gedruckt, Proben für Instrumentalisten, Schüchterne und das Publikum geplant, Beleuchtung, Austattung, Kleidung, Termine unter einen Hut gebracht, geprobt, inszeniert und geführt werden.

Eine Mehrfachbelastung, die ich als sehr anstrengend aber auch immer wieder beglückend empfand.

 

Die letzten Durchläufe gingen gut, alle hatten den Ablauf im Kopf und fühlten sich vorbereitet.

Zum ersten Mal trafen sich die Schüchternen und das Orchester. Das Orchester bekam einen genauen Ablaufplan, und trotzdem ging beim ersten Durchlauf fast alles schief. Hier war es wieder meine Aufgabe trotz eigener Nervosität Ruhe zu vermitteln. 

Auch für die Profimusiker war dieses Konzert ganz und gar nicht "normal", zum Beispiel befanden sie sich die ganze Zeit auf der kleinen Bühne und mussten in ihrer Rolle bleiben, nicht anfangen zu lachen, etc. Kaum zu glauben, aber das fiel einigen der gestandenen Musiker nicht leicht. Auch war ein recht grosser Sitzabstand zwischen den Instrumentalisten notwendig, was natürlich dazu führte, dass sich die Musiker schlechter hören konnten. Und Laiensänger mussten begleitet werden ohne Dirigent. Das waren alles Herausforderungen, die ich auch für mich so nicht unbedingt erwartet hätte.

Diese erste Probe wäre beinahe an so etwas profanem wie einer falsch weitergegebenen Hausnummer gescheitert.

Wie um das Chaos noch komplett zu machen, ging auch noch mein Mobiltelefon kaputt.

So war wirklich viel Flexibilität und Improvisation notwendig, um die Aufführung zu retten.

Immer noch dankbar bin ich deshalb für die Hilfe von Barbara Weber, Angela Bürger, Arion Rudari und Camilla Steuernagel, die mir immer wieder Aufgaben abnahmen.

Pünktlich zur Aufführung fiel zum Glück jedes Puzzleteilchen an seinen Platz und die Schüchternen meisterten ihre Aufgabe besser, als ich es je zu hoffen gewagt hätte. Im anschliessenden Gespräch mit den Prüfern sagte mir ein Mitglied der Komission, dass sie viel zu schüchtern gewesen wäre, solch einen persönlichen, eigenen Text auf der Bühne vorzutragen. Diese Leistung der Schüchternen kann ich ihnen gar nicht hoch genug anrechnen.

Vom Publikum und auch vom Orchester bekamen wir wunderschöne Rückmeldungen und wir merkten, dass es gelungen war, andere zu berühren und wirklich ein ganz eigenes Kunstwerk gemeinsam zu erschaffen.

Wir haben fest vor, dass Projekt in der Zukunft wieder aufzunehmen oder anders weiterzuführen.

 

Das schönste für uns alle war der Prozess und die Zeit die wir hatten, um uns ganz langsam, Stück für Stück etwas gemeinsames zu erschaffen.

 

Eine für mich sehr berührende Rückmeldung eines Teilnehmers war, dass er nun zum ersten Mal spontan auf einer Geburtstagsfeier gesungen habe. Er wäre dieses Wagnis davor nie eingegangen.

 

Diese kleinen, aber doch spürbaren Effekte sind es, die mich an den Sinn solcher Projekte glauben lassen.

 

Die Weiterreise

Mein nächstes, für Mitte 2019 angedachtes Projekt ist es, in Zusammenarbeit mit Simon Burkhalter Schumanns "Der Rose Pilgerfahrt" zusammen mit einem Laienensemble zu entwickeln und auf die Bühne zu bringen. Der Chor der Pädagogischen Hochschule sowie die "Ex-Schüchternen" werden dabei sein. Im Vorhinein werden Schüler eigene Klangcollagen kreieren, worauf wir dann wieder Tänze choreographieren werden. 

Der Prozess ist im vollen Gange und ich freue mich auf das neue Abenteuer.

Mein Ziel ist es, jährlich ein solches Projekt zusammen zu entwickeln und einen "Spielplatz" für Erwachsene zu erschaffen, der Menschen die Möglichkeit gibt, ihre Kreativität zu entdecken, eigene Grenzen auszuloten und zu erweitern und sich mit Freude und Achtsamkeit mit Musik und Kunst zu beschäftigen und ein eigenes Kunstwerk zu erschaffen.

 

Felicitas Erb

Wilemattstr. 29

6210 Sursee

mail@felicitaserb.de

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